Burg bei Magdeburg und Umgebung
Kampflose Übergabe der Stadt Burg am Ende des 2. Weltkrieges
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Kampflose Übergabe d. Stadt Burg am Ende des 2. Weltkrieges

„Mussolini“ – Der Vergessene Oberbürgermeister

Am 2. Mai 1945 hatten sich in der Brüderstraße 27 in den Räumen des Tuchhändler Ullrich Deutsch,, zehn Bürger zusammengefunden und organisiert, dass die Stadt Burg drei Tage später kampflos an die Sowjetarmee übergeben wurde. Damit retteten sie vielen Burgern das Leben und die Stadt vor der Zerstörung. Das wissen viele Burger. Aber wer waren diese mutigen Menschen? Was waren ihre Motive, warum haben sie ihr Leben eingesetzt?

Die Burger, die die kampflose Übergabe der Stadt möglich machte waren:

  • der Tuchhändler Ullrich Deutsch,
  • der Dreher und früheres Mitgliede des Stadtparlaments August Heisinger,
  • der Verleger Theodor Hopfer,
  • W. Kunze,
  • der Goldleistenfabrikant Georg Lorenz,
  • der Gärtnermeister Georg Schindler,
  • der Zuschneider und ehemaliges Mitglied des Stadtparlaments Willi Steiger,
  • der Tischlermeister und ehemaliges Mitglied des Stadtparlaments Willi Stollberg,
  • der Schmierfettfabrikant und ehemaliges Mitglied des Stadtparlaments Siegfried Stöckel und
  • Oberschulrat Dr. Hubert Tschersig.

Noch einer verdient, erwähnt zu werde, obwohl er in der Vergangenheit eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, Hier berühren wir eine der Lücken in der bisherigen Geschichtsaufarbeitung. Das Burger Tageblatt vom 4. Mai 1945 titelte „Neuer Oberbürgermeister“.

Was war passiert? Die Männer um Ullrich Deutsch hatten erreicht, dass der bisherige Oberbürgermeister Lebenstedt, der nicht mehr in der Lage war, seine Arbeit zu leisten, abgelöst wurde. Ulrich Deutsch und Dr. Abel wurden für dieses Amt vorgesehen, lehnten jedoch ab. Offensichtlich hatten Ulrich Deutsch und Georg Lorenz vor der abendlichen Sitzung am 2. Mai 1945 erreicht, dass der ehemalige Kaufmann und Vorsitzende der Fraktion des Bürgertums vor 1933 Willy Gebhardt, sich bereits erklärte, dieses Amt zu übernehmen.

Gebhardts Spitzname war „Mussolini“, was er als Auszeichnung betrachtete. Bisher sind seine Rolle und sein Weg nach der Kampflosen Kapitulation nicht geklärt. Vermutlich haben die ausländischen Zwangsarbeiter, für die er zuständig war, ihn an die Rote Armee ausgeliefert. Willy Gebhardt fehlt in der Namenliste der Burger Oberbürgermeister. Natürlich ist er umstritten und war nur ein paar Tage im Amt, aber sein Handel hat zur kampflosen Übergabe beigetragen.

Burg in den letzten Kriegstagen

Zehn mutige Burger gaben den Anstoß zur Kampflosen Übergabe der Stadt

Im Frühjahr 1945 wurde der Raum Halle bis Tangermünde zum Frontgebiet und der Krieg trat in sein Endstadium. Sowjetische und amerikanische Truppen kamen immer näher. Zwichen den Fronten irrten über 300000 Menschen umher. Deutsche Truppenverbände, Verwundetentransporte, Evakuierte und Vertriebene, Flüchtlinge und Zwangsarbeiter, viele mit dem Ziel, die Elbe zu erreichen. Der Nazi-Staat löste sich langsam auf Es herrschte ein unvorstellbares Chaos. Die Amerikaner kamen schneller voran, weil auf ihren Weg die deutschen Truppen schneller kapitulierten – auch mit dem Ziel, lieber in amerikanische Gefangenschaft zu gehen.

Der Vormarsch wurde durch massive Bomberangriffe begleitet. Massive Angriffe gab es am 8. April auf Stendal und Halberstadt, auf Zerbst am 16. April. Einen Tag später bezog die 9. US-Armee den Abschnitt Rogätz-Elbe mit Richtung Tangermünde. Die sowjetische Armeeführung hatte das Ziel, Berlin einzunehmen und damit den Krieg schneller zu beenden.

Die Karte zeigt die amerikanische und sowjetische Front,
Lage der Truppen und extreme Unterschiede der Kampfhandlungen

 

Die Armee Wenk sollte den Vormarsch der 3. Sowjetischen Stoßarmee stoppen Aber Wenk entschloss sich anders, er führte seine Truppen nach Westen in Richtung Tangermünde. Sein Ziel war es, die 3. Armee in englische Gefangenschaft zu führen. Außer dem schweren Angriff am 10 April auf den Fliegerhorst in Burg gab es in der Stadt kaum Kampfhandlungen. Aber waren Reservelazerette in der Stadtschänke, Zerbster Straße, in der Luisenschule und in der Diesterweg-Schule eingerichtet und da viele Verwundete untergebracht. Auch die Kasernen, die ständig durch neue Einberufungen Soldaten aufnahmen bzw. versprengte Truppen wieder eingliederten, waren überfüllt. Gerhard Mittendorf gibt die Zahl mit 8000 Soldaten und Verwundeten an.

Am 26. April 1945 gab es einen letzten Aufruf des Nazigauleiters Jordan. Nun wurde der Volkssturm aktiv. Der Leiter Ulrich Deutsch erhielt die Weisung, die verteidigungsbereit zu machen, Panzersperren wurden in den Straße errichtet. In der Neuen Kaserne wurde ab den 14. April aus den Resten der Sturmgeschütz-Schule, die Sturmgeschütz-Brigade „Schill“ gebildet und aus der Kampfgruppe Burg (Kommandeur Major Müller) wurde durch Zuführung von Truppen die spätere Infanterie-Division von Schill zusammengestellt. Sie wurden in die Wenkarmee eingegliedert und kämpfte Anfang Mai im Raum Schwielowsee. Die Amerikaner beschossen vereinzelt Burg, so wurde von Granateinschlägen in der Nähe der Goldleistenfabrik Lorenz und in Richtung Alter Kaserne berichtet.

Die Lage war militärisch hoffnungslos. Der vernichtende Luftangriff auf den Flugplatz Burg, die Kenntnis der Zerstörungen ab Mitte April von Zerbst, Haberstadt und Stendal können dazu beigetragen haben, Burg kampflos zu übergeben. Anlass zum Handeln war das Verhalten des Oberbürgermeisters Lebenstedt. Die Bevölkerung empörte sich über seine ständigen Alkoholexzesse und seine Untätigkeit in dieser Situation und forderte einen handlungsfähigen Oberbürgermeister.

Es waren nachweislich die Aktivitäten von Deutsch und Lorenz die zu der Entscheidung führten, die Vorsitzenden der Stadtverordnetenfraktionen von 1933 zu einer Besprechung in die Brüderstraße 27/28 in das Kontor von Ulrich Deutsch einzuladen. Es waren dann 10 Personen, die ein hohes persönliches Risiko auf sich nahmen, Ganz offensichtlich gab es doch großes Misstrauen, denn die wurden von Mitgliedern ihrer Parteien begleitet. Die Kommunisten vermuteten sogar eine Falle, denn sie kamen bewaffnet und gingen als Letzte in das Haus.

Die Beschlüsse der Beratung am 2. Mai 1945

Absetzung des Oberbürgermeisters zur Rettung der Stadt

Um die Situation Ende April/Anfang Mai 1945 und die Handlungen der zehn Teilnehmer an der Beratung am 2. Mai besser zu verstehen, muss man einige Fakten kennen, denn die Positionen der Teilnehmer waren doch sehr unterschiedlich. So war W. Kunze Teilnehmer der Beratung, aber über seine Person, seine Parteizugehörigkeit oder zu seinen Aktivitäten findet man in den historischen Dokumenten keine Hinweise. Auch der Vorname ist nicht bekannt. Ulrich Deutsch und Georg Lorenz waren da deutlich aktiver. Deutsch war Major der Wehrmacht, aber auf Grund eines schweren Herzfehlers wurde er am 30. November 1944 ausgemustert. Er meldete sich pflichtgemäß beim Volkssturm und erhielt nun wegen seiner militärischen Kenntnisse die Führung des Volkssturmes des Kreises Jerichow I übertragen. Auch einige Persönlichkeiten der Stadt hatten ihn gedrängt, das Amt anzunehmen.

Sein militärisches Wissen half ihm, kluge Entscheidungen im Interesser der Stadt Burg zu fällen. So konnte er die Bewaffnung seiner Volkssturmeinheiten und damit auch ihren Kampfeinsatz verhindern. In der Ausbildung des Volkssturms wurde der Schwerpunkt auf die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln, auf den Einsatz als Hilfskräfte in den Notlazaretten, auf Schanzarbeiten und auf den Bau von Straßensperren gelegt. Zunächst hatte Deutsch als Kommandeur des Volkssturmes seine Dienststelle in der Nähe der Nazis im Brauen Haus, in der damaligen Hauptmann-Loeper-Straße 28 (heutige Bahnhofstraße), doch dann bot ihm sein Mitarbeiter Lorenz ein Büro in dessen Goldleistenfabrik an. Nach einem Beschluss Burgs durch amerikanische Artillerie mit Einschlägen in der Nähe der Bismarckstraße, es gab Verwundete und Tote, verlegte Deutsch seine Dienststelle in die eigenen Kontorräume in der Brüderstraße 27/28.

Bis zum Ende des Krieges hatte der Volkssturm keine Waffen, sodass auch keine unmittelbare Gefahr des Einsatzes entstand. Ehemalige Mitglieder des Stadtrates aus der Zeit vor 1933 erkannten ebenfalls die Aussichtslosigkeit der Lage und suchten nach einer Lösung für ihre Heimatstadt. Hinzu kam, dass die Unfähigkeit und Alkoholsuch des Bürgermeister Lebenstedt vielen Bürgern nicht verborgen blieb. Lorenz bat deshalb Deutsch, etwas zur Ablösung von Lebenstedt zu tun – auch mit der Versicherung, dass die Bürger dies unterstützen würden und er das Amt übernehmen sollte. Aber Deutsch lehnte letzteres ab. Es war zu bedenken, dass Gestapo, der Sicherheitsdienst und er Werwolf in Burg noch funktionierten. Offensichtlich hatten sich die Ereignissee von Aachen, also die Ermordung des Bürgermeisters durch SS-Angehörige nach einer kampflosen Übergabe der Stadt, herumgesprochen. Dennoch war Eile geboten. So luden Deutsch und Lorenz zu einem Treffen in ds Kontor in der Brüderstraße mit folgender Tagesordnung ein:

Absetzung des amtierenden Oberbürgermeisters Lebenstedt
  1. Ich erklärte mich bereit, di Absetzung des Oberbürgermeisters beim stellv. Regierungspräsidenten, Landrat Lehmann, durchzusetzen.
  2. Bestellung des Kaufmanns Willi Gebhardt zum Beauftragten zur Wahrnehmung der Geschäfte des Oberbürgermeisters der Stadt Burg unter diesen Bedingungen:
  • Bekämpfung des Werwolfes
  • Bedingungslose Übergabe der Stadt, woher der Gegner auch kommt, ob von Ost oder West
  • Berufung eines Stadtparlaments aus Vertretern der bürgerlichen, sozialdemokratischen u. kommunistischen Fraktion, um eine Basis zu schaffen für die Durchführung der Maßnahmen, die dem Oberbürgermeister obliegen.

Mit Willi Gebhardt hatte Deutsch schon gesprochen und sein Einverständnis eingeholt (Diese Tagesordnung ist die Abschrift aus den Erinnerung von U. Deutsch, es gibt auch keine anderen Dokumente, es wurde auch kein Protokoll geführt.)

Nun waren noch zwei Aufgaben zu lösen Erstens: Die Bestätigung der Ablösung von Lebenstedt durch Landrate Lehmann und zweitens: der Abmarsch der Wehrmachtsteil, die am Brehm lagen. Deutsch, Lorenz und Theo Hopfer suchten Landrate Lehmann am 3. Mai auf und bekamen die Zusicherung, dass Lebenstedt beurlaubt und Gebhardt kommissarisch eingesetzt wird. Er sollte sich noch am gleichen Tag beim Landrat melden, um ihm die erforderlichen Vollmachten erteilen zu können. Gebhardt suchte noch am Nachmittag Deutsch auf und teilte ihm mit, dass er auf Grundlage der alten Gemeindeordnung die Führung der Stadt übernommen habe.

Offenkundig haben sich danach politisch engagierte Menschen und auch ehemalige Abgeordnete noch am selben Tag getroffen und wichtige Fragen des allgemeinen Lebens besprochen wie auch den reibungslosen Ablauf der Besetzung. Informiert wurde, dass mit einer bewaffneten Übernahme nicht zu rechnen ist. Die Panzersperren seinen sofort zu beseitigen.

Neuer Oberbürgermeister und Abzug der deutschen Truppen

Warum Deutsch eine Stunde zu spät kam

Durch das „Burger Tageblatt“ vom 4. Mai 1945 erfuhr die Bevölkerung von der neuen Situation in Burg. Der Aufruf von Oberbürgermeister Willi Gebhardt zu Ruhe und Vertrauen und auch die Information über eine erste Arbeitsbesprechung derer, die als neue Beiräte eingesetzt wurden, waren Inhalt dieser Meldung. NSDAP-Kreisleiter Lange informierte, dass der Volkssturm aufgelöst ist, nur die Führung sollte bestehen bleiben.

Wie die Situation in den Erinnerungen von Ullrich Deutsch und Willy Müller beschrieben wurde: Gleichzeitig mit dem Betreiben der Ablösung des Oberbürgermeisters Lebenstedt, hatten die Mitglieder des Komitees als auch die Mitglieder des Stadtparlamentes von vor 1933 Aktivitäten entwickelt, wie man Gebhardt in dieser Situation unterstützen kann. Als Beiräte werden genannt: C. Schwab, G. Bethge, U. Deutsch, Th. Hopfer, A. Heisinger, W. Katurbe, W. Kunze, G. Lorenz, O. Mohrenweiser, R. Petersen, W. Steiger, O. Stollberg, W. Stollberg, S. Stöckel, und Dr. Tschersig. Die wichtigsten Aufgaben waren, eine mögliche Besetzung der Stadt zu verhindern, und die Beseitigung der Panzersperren. Die Lage in der Stadt war so, dass mit einem bewaffneten Widerstand nicht zu rechnen war. Für eine kampflose Übergabe der Stadt war aber auch wichtig, dass die Wehrmachteile in der Nähe des Brehm ihren Standort verlassen und damit keine Kampfhandlungen, die die Stadt gefährden könnten, mehr durchführen können.

Wer aber warendiese Truppen? Wer war ihr Kommandeur? Es gibt einige Unklarheiten. Sehr wahrscheinlich ist dass der Personalbestand der Truppen aus Resten des Flugplatzpersonals, der Neuen Kaserne und aus Reservisten bestand.

Der Kommandeur der Sturmgeschützschule Burg, Major Alfred Müller, war aber nicht deren Verantwortlicher, wie manche Publikationen vermuteten Denn zu dieser Zeit war er bereits Oberstleutnant und Kommandeur der neu aufgestellten Division „Ferdinand von Schill“ und kämpfte im Raum Potsdam-Schwielow-See.

Im Ergebnis der Tagung der Beiräte vom 2. Mai waren Schindler, Katurbe und Stöckel beauftragt, die Verhandlungen mit dem Verantwortlichen am Brehm zu führe. Die 31 Panzersperren im Stadtgebiet wurden im Ergebnis dieses Gespräches beseitigt. Größerer Anstrengungen bedurfte es, die zur Sprengung vorbereiteten Brücken zu retten. Dies gelang für die Niegripper und die Blumenthaler brücke. Das ist der Verdienst des Polizisten Almeroth und des Leiters des pioniertechnischen Dienstes, North. Leiter gelang dies nicht für zwei Brücken in Richtung Genthin.

Erst jetzt wurde bekannt, dass auch Deutsch in dieser Nacht selbst bei den Truppen am Brehm aktiv war. Er schilderte in seinen Erinnerungen seine persönlichen Verhandlungen mit dem Kommandeur, einem Major der Reserve (also nicht Major Müller). Damit gibt es auch eine Erklärung warum Deutsch bei der Beratung der Beiräte am 4. Mai 1945 eine Stunde zu spät kam. Sehr berührt hat ihn dann die Geste der Beiräte, dass er den Platz seines Vaters, der langjähriger Stadtverordneter war, zugewiesen bekam.


Quelle:

Dietrich Rönisch/Burger Blatt