Burg bei Magdeburg und Umgebung
Tabagien, Ausflugslokale und Ballhäuser
http://www.burgundumgebung.de/historie/entwicklung-der-gastronomie-in-burg/tabagien-ausflugslokale-und-ballhaeuser.html

Copyright © 2017 Burg bei Magdeburg und Umgebung
 

Ausflugsziel Kanal

Am 6. November 1871 wurde der Ihlekanal für den Verkehr freigegeben. Ab diesem Zeitpunkt eröffneten einige Gastwirte am Ufer der Wasserstraße Ausflugslokale. Zwei sind besonders in Erinnerung: „Helgoland“ und „Schweizerhaus“.

Der erste Gastwirt vom „Helgoland“ war Peter Hauschild mit Frau Elisabeth. Beide geborene Niegripper, wagten sie ihr gewerbliches Glück nahe Burg. Der Bau ihrer Lokalität ist heute noch erhalten, auch wenn er vor mehr als 100 Jahre etwas anders aussah. Es handelt sich um das Haus in unmittelbarer Nachbarschaft der Knäcke-Kanalbrücke, auf der Uferseite Richtung Stadtteil Überfunder.

Ein Treffpunkt für Ausflügler der gesamten Umgebung, um nicht nur Brause, Kaffee und Bier zu konsumieren, sondern auch Sport zu treiben. Ruderboote zur Vermietung wurden angeschafft.

 

Zu einem weiteren Sportvergnügen wurde im Winter gerufen. Entweder der zugefrorene Kanal oder eine Spritzeisbahn an der Gaststätte wurden zum Schlittschuhlaufen angepriesen. Im Januar 1912 kostete der Spaß beim Helgolandwirt für Kinder 10 Pfennig und für Erwachsene 20 Pfennig. Ansonsten lud in Vorkriegszeit stets im April der Ruderklub Burg zum Anrudern ein.

Bis in die 60er Jahre diente das Gebäude dem Knäckewerk als Kindergarten. Heute ist es in Privatbesitz. Kurios das Baufieber ab den 80er Jahren neben dieser Ex-Gaststätte Helgoland. Die alte Kanalbrücke wurde abgerissen. Die Auffahrt zum neuen Brückenwerk führte praktisch unmittelbar an den Fenstern vorbei. Vor wenigen Jahren wurde von dem Wohnhaus wieder abgerückt: Im Zuge der Kanalverbreiterung projektierten die Bauverantwortlichen die jetzige Brücke samt Auffahrtsstraße in verträglicher Entfernung.

 

Das Schweizerhaus wurde vermutlich eher als Lokal betrieben als Helgoland. Es findet sich in der Burgschen Zeitung vom 7. Juli 1874 die Anzeige als Einladung für einen Besuch. Die Adresse lautete Uferstraße 3 und ist heute gleichfalls Wohnsitz in Privathand.

Im Unterschied zum Helgolandkneiper bot Schweizerhaus-Betreiber Garschina zur Weihnachtszeit 1879 seine Eisbahn unentgeltlich an. Er war aber vorsichtig und ließ die Öffentlichkeit wissen, „dass die Bahn nur von einem bezeichneten Punkt betreten werden darf, da das Betreten der Uferböschung bei Strafe von der Canalpolizei verboten ist.“

Er hatte noch weitere Attraktionen im Angebot, zum Beispiel im Juli 1894 eine „Schwimmende Haifisch-Ausstellung“. Der glückliche Fänger, so hieß es, war der in Hamburg hoch geschätzte Kapitän Corsen, der auf dem Dampfer „Cuxhaven“ unterwegs war. Erinnerungswürdig ist für das Schweizerhaus der September 1910. Der Burger Flugpionier Gustav Schulze stellte seinen Motorflieger vor. Nicht am Ufer des Ihlekanals hat das Deichwall-Restaurant gelegen, ist aber als Ausflugsstätte durchaus einige Zeilen wert.

Heute längst Privatadresse, soll es ein beliebter Treffpunkt der Angler gewesen sein. Aus drei Richtungen konnten sie das Gasthaus auf dem Deich an der Verbindungsstraße Burg-Blumenthal erreichen. Von den Anglerparadiesen Parchauer See, Dunckersee und Elbe. Dass in den Debatten Unmengen Anglerlatein gesponnen und mancher Beutefisch groß geredet wurde, dürfte zu vermuten sein.

 

Zwar waren die verschiedenen Vereinsheime am Rande des Kanals nicht vorrangig öffentliche Ausflugsziele, sollen an dieser Stelle aber nicht vergessen werden. 1920 war es noch möglich im Kanalgewässer bedenkenlos zu schwimmen. Im Dezember 1930 vergrößerte der Freie Ruder- und Kanusport Burg an der Blumenthaler Brücke seinen Stammsitz. Was heute noch an den Premierenbau erinnert, ist der Saal in der ersten Etage. Einige Jahre früher, nämlich am 22. August 1926, weihte der Ruder-Club Burg seine Bootshaus ein. Es hatte seinen Platz an der Feldmark Lüdersdorf und war zu DDR-Zeiten Wassersportheim der BSG Empor Burg.

Der Burger Schwimmclub Hellas hatte Schwimm- und Trainingsbahnen am Kanal, in der Nähe der Blumenthaler Brücke, eingerichtet. Auch sie bewirtschaften ein Vereinsheim ausschließlich für ihre Mitglieder.

Erwähnenswert auch das längst verschwundene Vereinsheim der Burger Sportangler an der Parchauer Brücke, das 1936 errichtet wurde. Hier befand sich ein Ausschank, der nicht nur von Mitgliedern des Vereins genutzt wurde.

Zum Fläming

Ein besonderes Flair in der Burger Gastronomielandschaft besaß der Bierkeller auf den Höhen des Flämings und in der Nachbarschaft des Bismarckturmes. Mit einem freien Blick auf das Bürger-Holz, der bis zum letzten Tag der Gaststätte bei den Gästen beliebt war. Bekannt wurde er im Laufe der Jahre auch unter der Bezeichnung Parkrestaurant „Zum Fläming“.



Tageblatt 22. Mai 1885

 

Aus dem Stadtarchiv ist zu entnehmen, dass 1846 mit dem Bau eines Wohnhauses begonnen wurde. Zwei Jahre zuvor hatte Brauereibesitzer Theodor Krepper begonnen, den Bierkeller, der als Eiskeller für seine Brauerei dienen sollte, in den Höhenzug zu graben. Es war in Burg für das süffige Getränk der erste derartige Kühlkeller. Der Unternehmer soll zu dem Zeitpunkt veranlasst haben, einen Biergarten nach bayrischer Art einrichten zu lassen und den Gaststättennamen „Bairisches Haus“ ausgewählt haben. In den Jahren nämlich erreichte der Vertrieb des begehrten bayrischen Lagerbieres den Norden Deutschlands und machte es deshalb unumgänglich, für die angelieferte süddeutsche Ware sichernde Lagermöglichkeiten zu schaffen. Das eben in großzügig angelegten unterirdischen Bierkellern.

Kreppers Firmenphilosophie, dessen Brauerei als Industriebrache heute noch in der Magdeburger Straße zu sehen ist, soll nie darin bestanden haben, selbst die Gaststätte auf dem Fläming betreiben zu wollen. 1870 wurde an Stelle der bisherigen bescheideneren Variante eine Gaststätte mit Räumlichkeiten wie Restaurant, zwei Sälen für Erdgeschoss und erste Etage und einem Billardzimmer gebaut. Bauherr Keppler hat sie stets verpachtet.

Aus dem Burger Tageblatt vom Mai 1885 ist zu entnehmen, dass Gäste zum Bierkeller gerufen wurden. Augenscheinlich wurde aber nicht direkt in den Kellerräumlichkeiten serviert, sondern die Ausflugsgaststätte zwischenzeitlich so genannt und das bis in die 30er Jahre. Zur Abwechslung annoncierte ein Pächter Mitte der dreißiger Jahre seinen Gasthof auch als „Parkrestaurant und Café Bierkeller“. Das besondere damals, das die Wirte bei der Naturlage auf dem Flämingrücken versuchten, Familien mit der Repräsentation von Tieren anzulocken. Gastronom Willi Deike zum Beispiel lud Kinder zum Eselreiten ein. Das Betreiben eines Minizoo wurde bis zum Schluss der Gaststätte beibehalten. In den achtziger Jahren bis zum Finale in den neunziger Jahren gab es unter anderem Hängebauchschweine zu bestaunen.

 

 

 

Das Bayrische Haus oder Bierkeller

In traulichem Grün verborgen
thront draußen am Bergesrand
der alte gemütliche Keller;
weit in der Ferne bekannt.

Da schaut man auf dunkle Wälder,
auf Dörfer und Wiesengrün;
da träumt man von Freude und Liebe
und lässt die Grillen ziehen.

Wie kann man dort trinken und singen!
Wie glücklich fühlt man sich dort!
Wie gern bin ich droben gewesen,
Wie ungern zog ich stets fort!

Das war ein fröhliches Leben,
das war eine köstliche Zeit.
Du alter gemütlicher Keller,
Wie liegt nun das Gute soweit!

Unbekannter Dichter um 1885


Bismarckturm 20er Jahre

 

Nach Auf- und Abstieg des Turms, konnte man im nahgelegenem Bierkeller wieder Kraft tanken.


Ansichtskarte aus der Zeit um 1900

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es mit der Ausflugsgaststätte erst einmal vorbei. Untergekommen war vermutlich wegen der luftigen Höhenlage eine Erholungsstätte für Lungenkranke. Es wurde eine Tbc-Tagesliegestätte eingerichtet. Deren Eröffnung war am 1. Juni 1949 und zur Verfügung standen bis zu 50 Betten. Später zog eine Außenstelle des Jugendwerkhofes „August Bebel“ ein und Anfang der 60er Jahre musste der Komplex für die Burger Bekleidungswerke als Produktionsstätte „Fläming“ herhalten. Im Januar 1964 die frohe Kunde der Volksstimme, dass das Ehepaar Leskien die Gaststätte wieder zum Leben erwecken will.

Der etwas vernachlässigte Park sollte erneut als Naturgartenanlage gestaltet werden. Als Name wurde Parkgaststätte „Zum Fläming“ auserkoren. Sie überlebte aber nur einige Jahre der politischen Wende, auch wenn sie vorrangig an den Wochenende weiter ein begehrtes Ausflugsziel war. Und wenn auch der damalige Bundesaußenminister Dietrich Genscher ein Mittagspause eingelegt hatte, was als Werbeaussage mit einem Foto im Gastraum verewigt wurde. Der Kurzaufenthalt war auf einer Wahlkampftour passiert, denn die Bundesstraße 1 verläuft in unmittelbarer Nähe.


Parkgaststätte „Zum Fläming“ 1988

Brehm

Die Gaststätte Brehm gehörte zu den Burger Tabagien und somit zu den traditionsreichsten Gastwirtschaften der Ihlestadt. Ältere Burger werden sie noch aus dem eigenen Erleben kennen – bis sie 1951 abbrannte.

Bereits die Vorgeschichte des Hauses war von einem Brand gekennzeichnet. Gastwirt Neukranz erwarb das Gelände im Brehm Anfang des 19 Jahrhunderts. Als sein Wohnhaus Opfer des Feuers wurde, ließ er als Konsequenz ab 1828 die Tabagie einschließlich Tanzsaal zu bauen. Charakteristisch für die unverwechselbare Architektur waren zwei Dachtürme rechts und links der Giebelfassade.

Die raucherfreundliche Gastwirtschaft wurde zusehends ein beliebtes Ausflugsziel der Burger, vorbehaltlich des Mittelstandes. So geht 1878 aus dem Burger Tageblatt hervor, dass Lehrer Th. Völkel der Katholischen Schule zum Spaziergang Richtung Brehm einlud. Aber schon die Jahrzehnte zuvor, war der Brehm Wanderziel von Schulklassen, wie unter anderem in aller Regelmäßigkeit die der in den 40-Jahren des 19.Jahrhunderts gegründeten Burger Realschule.

 

Hübigsche Tabagie auf dem Brehm

 

Die Schützengilde Burg richtete unweit ihren Schießplatz und nahm 1922 die benachbarte Gaststätte Brehm als Feierort zum 400-jährigen Bestehen des Vereins. Ohnehin war sie immer wieder Veranstaltungsort von Vergnügungen für jedermann. „Auf nach dem Brehm“ hieß es im Juli 1893. Es wurde zu einem großen Volksfest gerufen. Der Wirt versicherte und wies zugleich an: „Es können sich 1000 Kinder daran beteiligen. Jedes Kind hat sich für 10 Pfennig ein Fahne und eine Schärpe zu kaufen...“ Freiluftkonzerte gab es praktisch über die gesamte Existenz der Gaststätte. Vor dem 1. Weltkrieg waren es vornehmlich Militärmusiker, die zu hören waren. So am 1. August 1906. Angekündigt wurde vom Inhaber Böttcher: „Ein großes Konzert der ganzen Kapelle des Altmärkischen Feldartillerie Regimentes Nr. 40 unter Leitung ihres Stabstrompeters, des Herrn Brügmann.“ Erinnerungswert ist gleichermaßen, dass das Brehm-Areal Landwirten günstig für tierische Ansiedlungen war. Im Herbst 1907 wurde bekannt, dass ein Dr. Ferdinand aus Berlin auf dem Grundstück des dort zu findenden Erholungsheimes „Waldfrieden“ eine Geflügelzüchterei „in größerem Maßstab einzurichten gedenkt“.

Das tragische Ende der Traditionsgaststätte Brehm kam am 25.Mai 1951. Sie brannte nieder, wobei die Besitzerin in den Flammen umkam. Das Gasthaus war den Burgern dermaßen beliebt gewesen, dass nach dem Unglück zur Erinnerung an das Ausflugslokal ein Lindenbaum an der eingeebneten Fläche gepflanzt wurde. Anerkennenswert nach der Wende 1989, dass die Familie Dalchow versucht hatte den Brehm-Anlaufpunkt wieder zu beleben. Nach dem Bau der Mauer war sie nach Hamburg gegangen, bekam aber nach der Einheit Deutschlands ihr Eigentum zurück. Der Neustart sollte ein hölzerner Imbisspavillon „Am Brehm“ sein, den Lieselotte Dalchow betreiben wollte. Sie musste aus familiären Gründen letztendlich darauf verzichten. Es half dann auch nicht, dass die Dalchows händeringend versuchten, einen Pächter zu suchen. Es meldete sich nicht ein Interessent. Es musste bei der guten Idee blieben.

Gütters Gastronomie (Ihleschlässchen und Sennhütte)

Zwei Gaststätten im Ortsteil Gütter waren den Burgern gut bekannt und vertraut und Endpunkt eines ausgiebigen Spazierganges, das „Ihleschlösschen“ und die „Sennhütte“.

 

Ein schattiger Garten mit Spielgeräten der bis zur Ihle
reichte war das Markenzeichen des Ihleschlösschens

 

Das „Ihleschlösschen“ lag Mitten im Ort. Gastwirt W. Reppin lockte im August 1926 zum Beispiel die Ihlestädter mit einem „Radio-Konzert“ in sein Lokal. Der Radsport-Verein Burg hatte in den Zwanzigern es als Feierort für die Maskenbälle auserkoren. Beeindruckend ein erhaltenes Foto, vermutlich aus den 30er Jahren, auf dem ein ausgedehnter und großzügig angelegter Biergarten abgebildet wird. Das Ihleschlösschen ist seit Jahren zu und steht als Immobilie leer.

 

Kindergruppe vor der Sennhütte

Humor bewies in den 20er Jahren der Wirt der Sennhütte. Der Lokalname sollte den nahen und im Volksmund genannten Gütterschen Alpen entsprechen, also dem recht bergigen Umfeld des Ortsteils. Es wurde sogar die Bestuhlung und die Tische im Hochgebirgsflair gezimmert. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch die Ausflugsgaststätte „Sennhütte“, die sich an der Peripherie von Gütter befand, am Ausgangspunkt des Weges nach Reesen. Auch sie ist längst Wohnhaus.

 

 

Volksstimme 14. Mai 1948

 

Gastraum der Sennenhütte um 1940

Herrenkrug

Die Gaststätte, die einst an der heutigen Bundesstraße 1 Richtung Genthin stand, hieß zuerst „Zur Stadt Berlin“ und später Herrenkrug. Heute ist das Gelände Sitz einer Baufirma, nach dem Zweiten Weltkrieg einer Außenstelle des Jugendwerkhofes und danach der örtlichen Straßenmeisterei. Aus der Burg’schen Zeitung vom 12. Januar 1861 ist zu ersehen, dass es dort die Gaststätte „Zur Stadt Berlin“ gegeben hatte. Wann genau vorher sie Premiere gehabt hatte, ist nicht mehr aus dem Zeitungsarchiv zu ersehen.

 

Burg’sche Zeitung vom 19. September 1863

 

Erster Gastwirt war Theodor Ströhmer. Ihm gehörte die Immobilie nicht, sondern einer Witwe Probst. Nach der Pachtzeit eines weiteren Gastronomen verkaufte sie ihr Eigentum im Frühjahr 1865. Einigermaßen erstaunlich die weitere Geschichte des Hauses. Zwar blieb die Gaststätte, für die oft mit der Bemerkung „Nur 10 Minuten von Burg entfernt“ geworben wurde, weiter unter dem Namen „Zur Stadt Berlin“ erhalten. Das Areal lag offensichtlich nicht nur günstig zum Betreiben eines Gasthofes. Fabrikant Hermann Stüber machte im Juni 1867 am gleichen Standort eine Sydolith- und Steingutfabrik auf. Unter anderem stellte er Butter- und Fleischkühlgefäße und Wasserkühlflaschen her.

In den achtziger Jahren des 19.Jahrhunderts erfolgte die Umbenennung in Herrenkrug. Damit sollte der nahen Stadt Magdeburg nachgeahmt werden, die eine gleichnamige Restauration nachweisen konnte und sie noch heute als Edelhotel hat. Der Burger Herrenkrug sollte eine Ausrichtung erhalten, die für den Zeitraum von vier Jahren weit über die Ihlestadt hinaus für einen guten Ruf sorgen sollte. Der Gerwischer Gustav Kuhtz übernahm ihn 1902, schien sehr radsportinteressiert zu sein und wandelte das Gelände zu einer Radrennbahn, wobei der Charakter einer Ausflugsgaststätte gewahrt blieb. Kuhtz fand für das sportpolitische Unternehmen in dem Velocipeden-Club von 1882 Burg einen begeisterten Beistand. Die Radsportfreunde konnten für den 6.Juli 1902 zum Eröffnungsrennen aufrufen. Es sollen Massen von Zuschauern erschienen sein, die die Bahn von 250 Meter Länge gesäumt hatten. Es folgten sehr viele Radsportspektakel und auch Motorradrennen namhafter Teilnehmer aus dem Großraum Magdeburg, aber auch Deutschland und sogar Frankreichs. Bei dem Franzosen handelte es sich nicht um einen Radfahrer, sondern um einen Läufer. Er reiste mit dem Wettaufruf durch die Welt, schneller als ein Radfahrer oder Pferd rennen zu können. Er siegte in Burg dann auch tatsächlich mit einem knappen Vorsprung von dem menschlichen und tierischen Kontrahenten.

Es dauerte nicht allzu lange und die Bahn war derart in einem baulichen Verriss, dass das Interesse an weiteren sportlichen Treffpunkten abklang. Der Fußballclub Teutonia Burg nutzte den Platz noch als Spielstätte. 1906 wurden aber die defekte und äußerst strapazierte Bahn und der Platz abgerissen. Aus den Quadratmetern wurde eine Ackerfläche.

Die Gaststätte Herrenkrug war bis in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts geöffnet. Nach Schließung diente der imposante Bau mit seinen Räumlichkeiten als Außenstelle für den Jugendwerkhof „August Bebel“. Untergebracht waren ausschließlich junge Frauen, die im „Roten Stern“ und in der „Knäcke“ ausgebildet wurden. Bedauerlich für viele männliche Burger, dass sie stark unter Aufsicht standen. Auch hatte die Kreisstraßenmeisterei eine Zeit lang dort ihre Büros. Heute befindet sich der Firmensitz des Baubetriebes und Baustoffhandels Bethge in diesem Gebäude. Der Saal des ehemaligen Gaststättenarsenals wurde im Jahre ….. für die Kreiskaninchenausstellung genutzt.

Hohenzollernpark

Bis jetzt nicht nachweisbar, dass eine Lokalität Burgs mehr Namen in seiner Existenz hatte, als der Hohenzollernpark. Bis zum Ende der DDR war das Gebäude den Burgern als SED-Kreisleitung bekannt. Und nur die ältere Generation wusste, dass es sich bei dem Gebäude um ein ehemaliges Ausflugslokal handelte. Die Namen in der Reihenfolge waren über fast 200 Jahren Vetters Salon, Hofjäger, Hohenzollernpark, Volkshaus, Nationale Festsäle und Haus der Einheit. Angesiedelt in der Karl-Marx-Straße 32.

Das Archiv gibt es her, dass 1819 der Weißgerber Walwer direkt an der Ihle eine Tabagie eröffnet hatte, wie verlangt vor den Stadtmauern Burgs. 36 Jahre später übernahm A. Vetter die Tabagie und gab ihr seinen Namen. Sein Lokal schien so gut zu laufen, dass er sich 1863 daran machte, es ein Ausflugslokal umzuprofilieren. Die Architektur des geplanten Saales war sehr detailverliebt und verspielt, aber entsprach dem Zeitgeschmack. Eröffnet wurde die neue Gaststätte „Vetters Salon“ am 27.Juni 1863 mit „Einem Abend am Vesuv oder einer italienische Nacht“, wie eine Anzeige in der Burgschen Zeitung versprach.

 

1888 hatte der Salon des A. Vetters einen neuen Besitzer, der sein Eigentum „Hofjäger“ taufte. Das Ausflugslokal war am 9.Mai 1897 für eine Sensation auserwählt worden. Im „2. Nebensaal“ konnten die Burger sich damit bekannt machen, was Kinematographie bedeutet. Mit dem Untertitel „neueste Erfindung des genialen Edisons“ wurde es als „lebende Photographie“ angekündigt. Das Kino hatte Burg erreicht.

Als nunmehr „Hohenzollernpark“ blieb die Gastwirtschaft ab dem Jahrhundertwechsel den Ihlestädtern auch weiterhin ein vertrauter Begriff. Die Umbenennung muss Gastwirt Hermann Lorenz in Kaiserverehrung vorgenommen haben. Überliefert sind mit seinem Namen Ansichtskarten und Zeitungsnotizen anfangs als Besitzer des „Hofjägers“ und ab Ende 1900 dann das gleiche Haus als „Hohenzollernpark“.

 

Egal wie die Gaststätte hieß, im Saal wurde kräftig gefeiert und sich vergnügt. Belustigend die Ankündigung für einen öffentlichen Maskenball am 24. Januar 1914, was die Preise für die besten Kostüme anbelangte: „Die originellste Herrenmaske erhält 1 lebenden Schwein, die beste Herrenmaske 1 Hasen, die originellste Damenmaske ein Kaffeeservice und die beste Damenmaske 1 Schlackwurst.“ Mit Beginn des Ersten Weltkrieges war der Spaß vorbei. Die Ausflugsgaststätte musste als Reservelazarett herhalten. Nach Kriegsende ein weiterer Umbau und zwar vom Fabrikbesitzer August Voigt. Ab 1921 gab es dank ihm einen neuen Tanz- und Konzertsaal.

Damit nicht genug der Modernisierung. Gustav Holzmann, Besitzer der Burger Feldschlösschenbrauerei, ließ an Stelle des „Hohenzollernparkes“ einen Neubau errichten, wie er heute noch steht. Einzig der Saal blieb vom Vorgänger erhalten. Die Eröffnungsfeier des Volkshauses, wie es nun genannt wurde, erfolgte am 7.November 1931. Von Beginn an hatte der SPD-Ortsverein das Haus zu seiner Versammlungsstätte ausgesucht. Auch die Arbeitersport- und Gesangsvereine der Stadt waren hier zur Saalmiete. Drei Tage nach Eröffnung zum Beispiel veranstalteten die Burger Sozialdemokraten eine „große republikanische Kundgebung gegen Bürgerkriegshetze und Völkermorden“.

Mit SPD-Veranstaltungen war es 1933 vorbei. Oskar Prigaun, der bereits 1928 Inhaber des damals noch genannten „Hohenzollernparkes“ war, war ab dem Jahr der Machtergreifung Hitlers der Bewirtschafter, jetzt unter der Bezeichnung „National-Festsäle“, passend zur neuen Anschrift Hermann-Göring-Straße 35. Ab 1939 wandelte sich der Charakter des Gebäudes radikal. In ihm wurde der Wehrbezirkskommando, das Wehrmeldeamt und das Meldeamt 53 des Reichsarbeitsdienstes untergebracht.

 

Mit dem Niedergang des Nazireiches und in den ersten Jahren der DDR wurde aus den Räumlichkeiten einer der ersten HO-Gaststätten Burgs. Über die Gaststättenkultur der damaligen Zeit schrieb ein Volkskorrespondent 1951:Durch den großen Besucherandrang reichte der Gaststättenraum nicht aus. Ein Teil der Gäste musste also den Saal benutzen. Da mussten sie auf ihre Bestellung oft eine Stunde warten. Letztendlich mussten sie den Kellner persönlich aufsuchen, um ihn an den Tisch zu bitten. Es ist wenig angenehm, wenn auf jede Bestellung die Antwort folgt: “Haben wir nicht, ist nicht vorhanden, oder ist ausverkauft.“ So gab es z.B. weder Eis noch Obstsaft, noch dunkles Bier. Es erhebt sich die Frage, ob die verantwortliche Geschäftsleitung wirklich gut und sorgfältig den zu erwartenden Besuch geplant hatte. Außerdem wurden die großen kahlen Wände des Saales, die eine gute künstlerische Ausgestaltung ermöglichen würden, kritisiert. Verschiedene Gäste waren sich darüber einig, dass gerade die Handelsorganisation in jeder Weise Vorbild sein sollte. Die verantwortlichen Mitarbeiter sollten nicht versäumen, der werktätigen Bevölkerung unserer Stadt und ihren Gästen aus den übrigen Teilen Deutschlands zu jeder Stunde durch Tatsachen beweisen, dass die HO-Gaststätten die Träger bester deutscher Gaststättenkultur sind und nicht bloß Amüsierlokale.

 

Den Saal nutzte nicht nur die SED, sondern war auch Tagungsort der verschiedensten Organisationen wie Konsum, Urania, FDGB oder FDJ. Über einige Jahre sogar wurden in ihm Jugendweihefeiern begangen. Damit war in den Achtzigern Schluss. Der Grund: Logischerweise waren unter dem erschienen Jugendweihefeiergästen auch Verwandte aus Westdeutschland. Gemäß der eisern praktizierten „revolutionären Wachsamkeit“ der Parteikader konnte deren Aufenthalt in einer SED-Kreisleitung nicht mehr toleriert werden.

Ab Mitte der achtziger Jahren war geplant worden, das Parteihaus auszubauen und zu erweitern, was aber infolge der Wende nicht umgesetzt werden konnte. Noch im März 1989 hatte die örtliche Gesellschaft Denkmalpflege des DDR-Kulturbunds angemahnt, den Komplex samt traditionsreichen Saal bei einer Rekonstruktion weitgehend in seinem historischen Äußeren zu erhalten.

Zwar belegte ab 1990 die PDS-SED für einige Zeit noch ein kleines Büro, aber in der Hauptsache ließ sich das BBZ Berufliches Bildungszentrum Burg nieder. Die Aufgabe ist es, Arbeitslose wieder ins Arbeitsleben zurückzubringen. Außerdem wurden im ehemaligen „Haus der Einheit“ zwischenzeitlich sieben Wohnungen eingerichtet. Eigentümer wurde eine näher nicht bezeichnete Gesellschaft, in deren Auftrag eine Aachener Immobilienfirma die Karl-Marx-Straße 35 bewirtschaftete. Im Herbst 2006 sollte die Ex-SED-Kreisleitung bei einer Großauktion im Berliner Rathaus Schöneberg für 60 000 Euro unter den Versteigerungshammer kommen, aber ohne Erfolg.

Konzerthaus

Wo bis 1984 am Markt das Konzerthaus stand, befand sich einst die Tuchfabrik Boisly. Das Grundstück hatte im 19. Jahrhundert die Hausnummer 484.Das bedeutete nicht, dass der Markt endlos viele Häuser hatte. Zu der Zeit wurden Gebäude eines Ortes durchnummeriert, was gleichbedeutend war, dass sie damit ihre Adressennummer hatten. Auf dem Katasterplan von 1852 ist die Nummer 434 als Tuchfabrik eingetragen. Der gewerbliche Charakter änderte sich ein Viertel Jahrhundert grundsätzlich. Der Schankwirt und Schuhmachermeister Emanuel Georg Wiggert eröffnete am 29. September 1877 am gleichen Platz eine Restauration mit französischem Billard und wurde Wiggertscher Salon genannt. Sieben Jahre später übernahm Friedrich Pabst das gastronomische Geschäft und taufte es Konzerthaus. Damals Concert-Haus geschrieben. Vorher hatte Wiggert den Lokalitätennamen schon in diese Richtung geändert: Concertgarten. Hintergrund war vermutlich, dass er von der Stadt zur Verbreitung einer tadellos gesitteten Muse gezwungen wurde.

Als Wiggert nämlich 1879 dem baupolizeilichen Antrag zum Bau eines Saales stellte, wurde ihm rigoros geantwortet, ein Konzertraum schon, aber nur nicht für das Erklingen von Tanzmusik. Begründet wurde diese Anordnung in dem Schreiben folgendermaßen:

  1. Es liegt kein öffentliches Bedürfnis vor, die Brutstätten des Lasters zu vermehren
  2. Es fehlen die polizeilichen Kräfte zur Überwachung
  3. Die Nachbarn werden in empfindsamer Weise belästigt
  4. Eine Prügelei im Herzen der Stadt ist schwer zu bewältigen
  5. Die Stadt hat bereits 10 Tanzsäle

 


Tageblatt vom 23. Dezember 1879

 

Aus dem Archiv ist noch eine Besonderheit über den ersten Besitzer Wiggert zu entnehmen. Er kehrte nach dem Besitzerwechsel an Pabst als Betreiber wieder zurück. Das ab dem 1.Oktober 1886. Die Gründe liegen im Dunkeln. Tatsache ist nur, dass Emanuel Wiggert das Konzerthaus bis zum Tod im Januar 1888 führte.


Burger Erwerbsgärtner präsentieren ihre Produkte im alten Saal

 

Der aus Genthin stammende Paul Basigkow hatte das Konzerthaus im November 1889 von der Witwe Wiggert übernommen. Nicht erst seit der Hausführung des Genthiners wurde die 1879 von der Stadt aufgedrückte Nutzungsverfügung des Saales ausschließlich für ein Konzertleben aufgeweicht. Der Anteil an Vergnügungen und Familien- und Vereinsfeiern nahm beständig zu. Auch Bildungsveranstaltungen wurden von Basigkow angeboten. Wie zum Beispiel am 9. Mai 1893. Es wurde ein „hochinteressanter Vortrag“ zum Stand der Vorarbeiten für den Rhein-Weser-Elbe-Canal gehalten. Burg sollte schließlich in das Projekt einbezogen werden.

Ein schicksalhaftes Jahr für das Konzerthaus der Familie Basigkow wurde 1906. Der Saal brannte vollkommen nieder. Im Burger Tageblatt war von einem Großfeuer die Rede, das am 4. Mai 1906 gegen 7 Uhr ausgebrochen war. Erstaunlich, dass sich Paul Basigkow keine lange Zeit ließ, den Verlust zu verdauen. Zwei Monate später konnten Einzelheiten zum Neubau verkündet werden. Der Saal sollte nicht nur „allen Sicherheitsmaßregeln“ entsprechen, sondern auch allen „Comfort der Neuzeit“ bekommen wie zum Beispiel ein Dampfheizung, endlich ausreichend Toilettenanlagen und eine großzügige Bühne. Zum Weihnachtsfest des gleichen Jahres gab es für die Burger einen Tag der offenen Tür zur Besichtigung, auch wenn der Gesamtbau noch nicht vollendet war.

Das Konzerthaus erfreute sich in den Folgejahren erneut einer ungebrochenen Beliebtheit. Sie war wohl so groß, dass manche Jugendliche sich zu Tanzveranstaltungen Einlass erschlichen. Es geht aus den Gerichtsakten 1909 hervor, dass sich die Handlungslehrlinge Otto L. und Willy St. für einen Tanzabend ein käuflich zu erwerbendes Tanzband teilten. Die Respektperson von Tanzordner wurde so um eine Mark betrogen. Für diesen „rechtswidrigen Vermögensvorteil“, wie es im Juristendeutsch hieß, wurde L. zu 3 Mark Strafe verurteilt und St. bekam einen Verweis.

Maßloses Eintrittsgeld

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Konzerthaus oft Ort politischer Aktion, wobei trotzdem Termine der leichten Muse weiterhin überwogen.

Das Stadttheater Burg, das im Konzerthaus seine Heimstadt hatte, führte im November 1918 das Antikriegsstück „Die Waffen nieder“. Es entstand nach dem Roman von Bertha von Suttner, Österreicherin und namhafte Vertreterin der bürgerlichen Friedensbewegung. Am 11. Februar 1920 sprach der Magdeburger Oberbürgermeister Hermann Beims über „Deutschlands Gegenwart und Zukunft“. Einlader war der SPD-Ortsverein Burg.

Die folgende Inflation 1923 führte am Konzerthaus nicht vorbei. Zu mindestens, was die Eintrittspreise anbelangte. Sie nahmen astronomisch sprunghaft zu, zeigten aber auch für das Haus, dass trotzt wirtschaftlicher Katastrophe sich nach Möglichkeit belustigt wurde. Ein Auszug aus der Eintrittskartenhinterlassenschaft: Am 27.Mai 1923 kostete der Einlass zum Sonntagstanz 50 Pfennig und am 2. September schon 5000 Mark. Am 30. September schnellte der Preis auf 100 000 Mark hoch, eine Woche später betrug er 1 Millionen und in der nächsten Woche 2 Millionen Mark. Am 18. November wurden 5 Milliarden Mark verlangt und am 2. Dezember 50 Milliarden Mark. Der Gipfel wurde am 16. Dezember 1923 erreicht: Eintritt für 500 Milliarden Mark. Anfang 1924 war keine Rede mehr von Unsummen, aber davon, dass jetzt für den Sonntagstanz 10 Goldpfennig zu bezahlen wären. Ein Zeichen auch für Burg, dass Deutschland die elende Inflation in den Griff bekommen wollte.

Mit Beginn der dreißiger Jahre zeigte der Konzerthaus-Programmkalender, welche katastrophalen Zeiten auf die Deutschen zukommen sollten, Zwar gab es noch einzelne Veranstaltungen der SPD, wie im Sommer 1930, als Rudolf Breitscheid zu den Burgen sprach. Aber schon 1932 vereinnahmte die NSDAP-Ortsgruppe den Saal.

Aus der Nazizeit wäre für das Konzerthaus noch zu berichten, dass es außer einer Reihe von „Kraft durch Freude“-Veranstaltungen und des „Winterhilfswerkes“ für Burg 1936 es hier das so genannte Eintopfessen gab. Es sollte Sinnbild „des Erstarkens der Volksgemeinschaft“ sein und beitragen, dem steigenden Rüstungshaushalt den Verzicht der Bürger auf allzu üppige, da teure Sonntagsmahlzeiten entgegenzusetzen.

Trotz der zunehmenden Naziorientierung der Veranstaltungen für den Saal, versuchten die Basigkows Musik-und Kinostars in die Ihlestadt zu holen. Aufgetreten waren unter anderem Henny Porten, Claire Waldoff und Grete Weiser. Auch Gisela Schlüter, die Frau mit der großen schnellen „Klappe“ und noch bis in die 70er-Jahre auf dem westlichen TV-Bildschirm präsent, begeisterte als junge Künstlerin von der Konzerthausbühne aus die Burger.

Umstrittener Abriss

Paul Basigkow konnte noch am 28.Juli 1939 seinen 80. Geburtstag feiern, was in der Öffentlichkeit sehr groß wahrgenommen wurde. Der kleine Monarch, wie er scherzhaft genannt wurde, konnte sein hohes Alter aber nicht sehr lange genießen. Vier Monate später verstarb er und Sohn Willy übernahm das Konzerthaus. Er betrieb es auch noch in den Nachkriegsjahren bis zu seinem Todestag am 23.Oktober 1957. Neuer Eigentümer des nun genannten „Haus der Werktätigen“ wurde der staatliche Handelsbetrieb HO, wobei es bei den Burgern unter der Hand beim Konzerthaus blieb, auch wenn die SED-Ortsgruppe den Saal für Kundgebung mietete. Schon im Oktober 1947 war hier übrigens der erste Ministerpräsident der baldigen DDR zu hören. Otto Grothewohl sprach „zu wichtigen Problemen unserer Zeit“. Auch die erste Jugendweihe fand 1948 unterm Dach des Konzerthauses statt.


Jugendweihe 1956

Auch unter dem Staatswappen von Hammer, Zirkel und Ehrenkranz blieb das Konzerthaus vorrangig der Treffpunkt für Frohsinn, wie die Auftritte des Schlagersängers Fred Frohbergs oder des unvergessenen Komikers Eberhard Cohrs, und sogar für den Sport. Der Saal war in den 50er-Jahren Kampfstätte der Boxerriege von Fortschritt Burg. Ältere Burger werden bei den Namen Wolfgang und Horst Wille aufhorchen. Beide gehörten als bekannte Größen zur Staffel der Burger Boxeridole, die es in den 60er Jahren bis in die 1. DDR-Liga schafften.


Burger Boxstaffel


Sattlermeister Kastius beim Karneval    


Goldene Kehle aus Burg, Eva Kupferschmidt

Ein extra Kapitel der Konzerthausgeschichte der Nachkriegszeit gehört dem Burger Karnevalsverein. Unter dem langjährigen Karnevalspräsidenten Willi Neumann wurde die Narrensaison ab den fünfziger Jahren eisern gefeiert. Aus der Zeit sind solche Namen wie Eva Kupferschmidt unvergessen. Sie war Stimmungssängerin der Burger Faschingszunft, ab er auch außerhalb der fünften Jahreszeit für viele Jahre als Sängerin gefragt. Karnevalsitzungen gab es praktisch bis in die letzte Zeit der Existenz des Konzerthauses-Haus der Werktätigen. Sie wurde im September 1977 eingeläutet. Ein letzter Hinweis auf ein Tanzvergnügen ist aus der Volksstimme vom 19. August des genannten Jahres zu entnehmen. Die Disko „Resonanz“ rief die jungen Leute für 1.60 DDR-Mark in den Saal. In der Zeitungsanzeige „HO-Gaststätteninformation“ vom 23. Dezember 1977 über die Öffnungszeiten am Jahresende ist das Konzerthaus nicht mehr erwähnt…


So präsentierte sich der Konzerthaussaal vor dem Abriss – Bild vom 3. Januar 1982

Der Abriss des Konzerthauses war und blieb bei den Burgern umstritten. Es musste von Staatswegen aber weichen, zumal das Hermann-Matern-Haus an der Bahnhofstraße als neue sozialistische Kulturstätte schon vier Jahre stand. Im April und Mai 1984 erfolgten die Sprengung des Saales und der Abriss der Gebäude auf diesem Grundstück. Damit war der Kahlschlag vom Markt bis zur Bruchstraße längst nicht beendet. Es fiel die komplette Häuserzeile, um Raum für ein geplantes Plattenbauviertel zu machen. Der Konzerthausaal schien sich für seine unangemessene Beseitigung im Übrigen gerächt zu haben. Die Spezialisten des Autobahnbaukombinates Magdeburg benötigten unvorhergesehene zwei Sprengungen, um den traditionellen Burger Saal dem Erdboden gleich machen zu können.


Abrissgelände Konzerthaus am 11. April 1984

 


In diesem Artikel, erschienen in der Volksstimme am 22. Juni 1984, versuchte man den Abriss zu rechtfertigen

 


Marktplatz Sommer 2009

Logenhaus

Logenhaus, Stadtschänke, Jugendklubhaus, Café „Freundschaft“, wieder Logenhaus einschließlich Hotel Zerbster Tor und jetzt gastwirtschaftlich artfremd ein Gesundheitssportunternehmen. Die Zerbster Straße 31 hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Erinnerungswert ist aus der Historie, dass Ludwig Gottfried Müller im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf dem Fleck eine Tuchfabrik errichten ließ. Er hatte mit dem Unternehmen kein wirtschaftliches Glück. Zehn Jahre vergingen und er musste die Fabrik schließen. Was folgte, ging in die Richtung, die an dem Platz weit über ein Jahrhundert stetig entwickelt wurde, nämlich in die gastronomische. Aus der Tuchfabrik wurde ein Tanzsaal, der sich zum Treffpunkt der gehobenen Burger Gesellschaft mauserte. Der ihr entstammenden Gesellschaftsvereins „Harmonie“ baute das Gebäude um und aus. 1847 interessierte sich die an Mitgliedern wachsende Freimaurerloge Adamas zur Heiligen Burg für das Haus. Zuerst mietete sie Räumlichkeiten an und erstand 1868 es schließlich komplett. Die Loge war zu dem Zeitpunkt über 80 Personen stark. 1911 erhielt der Logensitz durch Erweiterung das Gesicht, wie es heute für die Zerbster Straße prägend ist. Bestandteil blieb stets ein Restaurant samt Saal für Feiern der wohlhabenden Bürger. Einen guten Ruf bei den Betuchten hatte immer wieder der Weinbestand des Logenkellers. Jeder Gastwirt, der im Verlauf der Jahrzehnte den Betrieb übernommen hatte, wusste damit zu werben. Wenige Gastronomen waren es nicht.

Der Saal des Logenhauses mutete Anfang des vorigen Jahrhunderts fast fürstlich an. Welche Gesellschaftsschicht über Jahrzehnte einkehrte und feierte, soll ein Beispiel bezeugen. Am 4. August 1921 wurde mit großem Pomp die Hochzeit der Tochter Marie Victoria Margarete des Besitzers der Steinhausbrauerei Adolf Schmidt gefeiert. Welchen Stellenwert das Logen-Restaurant in Burg hatte, ist zudem einer öffentlichen Einladung „an die Bürgerschaft der Stadt Burg“ zu entnehmen, datiert vom 10. Februar 1907. Mit einem Festessen wurde die Amtseinführung des Ersten Bürgermeisters Richard Schmelz begangen. Drei Mark musste der gewillte Teilnehmer berappen, ließ das eigens zu dem Anlass gebildete „städtische Fest-Komitee“ verkünden. Dass das Logenhaus standesgemäß eine Tennisanlage besaß, sei auch erwähnt. Sie wurde 1930 sogar vergrößert.

Erstaunlich ist, was vor 100 Jahren die Mark für einen Wert besaß, abzulesen aus einer Anzeige des Logenwirtes Wilhelm Fricke aus dem Jahr 1901. Er empfahl zwei Speisenfolgen für die Weihnachtsfeiertage dem gut situierten Burgern für 1,50 Mark pro Person. Verspeist werden konnten beim ersten Menü Krebssuppe, Karpfen Blau mit Butter und Merettich, Gänsebraten, Kompott und Salat, Fürst-Pückler-Eis und als Finale Butter und Käse.

Mit der Machtübernahme der Nazis war das Kapitel Logenhaus vorerst beendet. 1935 erfolgte die Liquidation des Logenvermögens. Ein Jahr später verkaufte die Stadt das Grundstück an den Logenwirt Niemann, bis es Gastwirt Tosch als Stadtschänke 1937 aufmachte. Zum Ende des II. Weltkrieges wurde der Komplex als Reservelazarett genutzt. Die letzten Verwundeten verließen es nach Kriegsende im Sommer 1945. Die Familie Tosch konnte das Haus als Stadtschänke weiter betreiben, bis das Restaurant unter gleichen Namen Anfang der 50er Jahre von dem staatlichen HO-Gaststättenbetrieb übernommen wurde. Die HO machte eine Nachtbar daraus. Täglich von 12 bis 4 Uhr war geöffnet. Mit „Musik bis 3 Uhr“ wurden Besucher gelockt.

Aus einer Volksstimme-Notiz vom 3. September 1955 geht hervor, dass in den Räumen eine Fernsehstube eingeweiht wurde. „Von nun ab haben alle Einwohner die Möglichkeit, täglich von 20 bis 22 Uhr das Programm des Fernseh-Studios Berlin-Adlershof zu sehen und zu hören“, wurde angekündigt.

In den 60er Jahren bekam das gesamte Gebäude den Status eines Jugendklubhauses, war trotzdem eine Gaststätte für jedermann und Ort markanter Ereignisse. So wurde 1978 Bürgermeister Günther Skippe im Saal groß verabschiedet.

Eine ausgezeichnete Adresse war die Gaststätte, jetzt als HO-Café Freundschaft bezeichnet, bei den Burgern, als ab 1976 nach Rekonstruktion des Klubhauses Hans Patzak als Restaurantleiter eingesetzt wurde. Nach 1989 wurde unter marktwirtschaftlichen Bedingungen das Hotel Zerbster Tor eingerichtet. Zudem erhielt die Loge ihr Eigentum zurück. Bis weit in die 90er Jahre blieb es für die Burger bei einer Gaststätte. Das endgültige Aus als Gastronomiebetrieb kam mit dem letzten Betreiber. Er machte sich eines Tages über Nacht in unbekannte Richtung davon. Die Spekulationen über das Warum schossen üppig ins Kraut. Was dagegen über Jahre bittere Realität blieb: Die Gasträume und Küche verwaisten. Anfang des neuen Jahrtausends übernahm der Verein „Gesundheitssport Jerichower Land 2004“ das Terrain und richtete das Institut für Gesundheit und Bewegung ein.

Rote Mühle

Die exakte Adresse der Gaststätte Rote Mühle war die Nummer 1 b. Von ihr ist nicht mehr viel zu sehen, nur noch ein Gebäudefragment, das heute als Wohnhaus dient. Eigentlich sollte es von Anbeginn, nämlich 1856 ein Wohnsitz sein. Ein Maurermeister ließ ein Haus mit Stube, Küche und Kammer bauen. Es wurde dann noch zwei Jahre später an eine Mühle samt Mühlenrad gedacht. In unmittelbarer Nähe befand sich ein relativ ausladendes Gewässer mit Mühlenteich und einem so genannten Freigraben. Ein Gewässersystem, dass eine Mühle durchaus zum Klappern bringen konnte. Dass hier eine bekannte Burger Ausflugsgaststätte sich öffnen könnte, daran war zu dem Zeitpunkt und auch 20 Jahre später nicht zu denken. Erst einmal wurde auf dem Gelände ein Fabrikgebäude errichtet, untergebracht in ihr eine Spinnerei. Datiert ist der Bauplan aus dem Jahr 1873. Ein Jahr später wurde zaghaft die nahtouristische Anzugskraft entdeckt. Im Dezember 1874 wurden in einer Zeitungsanzeige „Herren und Damen zu einer sehr guten Eisbahn“ gerufen. Der wintersportliche Ruf dauerte Jahrzehnte an. So lud später Restaurateur F. Schellhase die „geehrten Herrschaften“ zum Schlittschuhlaufen auf der Eisfläche des Mühlteiches ein.

Ganz vergessen wurde trotz erwachender Gastronomie an der Roten Mühle, deren Gaststätte damals Waldschlößchen hieß, das Fabrikantentum nicht. Zum einem vermarktete Mühlenbesitzer und Schankwirt Ferdinand Schulze im Mai 1885 „eine Parthie Strick-und Stopfgarn in allen Farben bei bester Qualität zu einem Pfund für je eine Mark“. Zum anderen bot der gleiche Unternehmer einen „Dampfdreschapparat“ und eine „Dampfbreitdreschmaschine“ der hiesigen Bauernschaft und den Gutsherren an. Die erst ungenannt Dreschtechnik war mit einer „10 Pferdekraft starken Wolffschen Automobile“ ausgestattet. Überliefert ist, das Schulze 1888 in von voller Ausstattung das „Restauarnt zur rothen Mühle“ eröffnet.

Erstes Lockmittel für zu erwartende Gäste: Es wurde ein Schwein ausgekegelt. Mit solchen schweinischen Kegelwettbewerben wurden Burger bis Ende des 19. Jahrhundert gerufen, wenn dann auch von anderen Betreibern und Besitzern.

Warum Robert Unger als Geschäftsübernehmer im Dezember 1904 die Burger Öffentlichkeit aufgerufen hatte, per Preisausschreiben eventuelle für den Namen „Rote Mühle“ ein neuen zu finden, ist nicht überliefert. An dem ursprünglichen Namen müssen aber tatsächlich eine Reihe von Burgern kein Interesse mehr gehabt haben.

Tageblatt 22. Juli 1888 

 

Jedenfalls geht aus der Ausgabe des Burger Tageblattes vom 1.Januar 1905 hervor, dass Unger mit seiner Frau ihre Ausflugsgaststätte als Waldschlösschen titulierten. Mit dem Schlösschen-Titel war es aber 1907 vorbei. Der neue Betreiber P. Schade besann sich wieder auf die Lokalität namens „Rote Mühle“. In jener Zeit versuchte der neue Wirt seine Gäste mit besonderen Höhepunkten an sein Umsatz zu binden. Im Tageblatt vom 30. Juli 1907 hieß es: „In der Roten Mühle wurde gestern der Affenkäfig von Schaulustigen förmlich belagert. Das Affenbaby ist wohl und munter. Der Affenvater hat aus dem Käfig entfernt werden müssen, weil er aus übergroßer Zärtlichkeit das Junge bald erdrückt hätte.“


Gruß aus dem Restaurant „Rothe Mühle“ bei Burg b. Magdeburg

 

Dass die „Rote Mühle“ bis in die Zeiten vor den Zweiten Weltkrieg gern besucht wurde, lässt eine Zeitungsnotiz aus den dreißiger Jahren vermuten. Demnach feierte die Sportlerinnen-Abteilung des Burger Ballspiel-Clubs 08 einen Rosenball.

Von dieser Ausflugsgaststätte ist nichts mehr zu erahnen. Bis in die neunziger Jahre hinein allerdings waren noch die Ruine des ehemaligen Fabrikgebäudes zusehen – samt Schornstein. Inzwischen aber ist in dem Bereich eine Wohnsiedlung entstanden.

Schützenhaus

Im Verlaufe von fast zwei Jahrhunderten an einem einzigen Standort drei unterschiedliche gastronomische und kulturelle Burger Anlaufpunkte? Das wurde zwischen der heutigen Schützenstraße, Lutherstraße und Bahnhofstraße erreicht. Zuerst das Schützenhaus. Es folgte das Hermann-Matern-Haus. Jetzt ist dort die Stadthalle zu finden.

 

Kaum vorstellbar, dass diese Fläche noch Anfang des 19. Jahrhunderts außerhalb der Ihlestadt gelegen hatte. Die Stadtgrenze war vom Schartauer Tor markiert. Mitte des Jahrhunderts verschwand es. Einzig die Familie Rabending ließ sich nicht von diesem Bauwerk Burger Wehrhaftigkeit beeindrucken. 1810 war im Burger Kurier zu lesen, dass sie im Haus und Garten zu Kaffee, Tee Kuchen und Konzert einluden.

 

Ihre Immobilie war 1850 unter der Adresse „Vor dem Schartauer Tor Nr. 1129“ eingetragen. Eigentümer Ferdinand Rabending war Schützenwirt und Gärtner gleichzeitig. Sohn Carl Friedrich Hermann Rabending, gleichfalls Gärtner, ließ ein überdauerndes Schützenhaus bauen. Möglicherweise vollbrachte er die große Investition, da sogar die Stadtverwaltung 1850 in ihren Grundstücksunterlagen zum Tabagiebetrieb des Rabendings vermerkte: „Die Geschäfte gehen nicht besonders“.

 

Dem konnten die Rabendings in den Jahren bis zur Abgabedes Geschäfts 1885 mit sensationshungrigen Aufrufen begegnen.

Im Sommer des Jahres 1852 brannte das alte Schützenhaus ab. Trotz des Verlustes ließ sich der Wirt nicht entmutigen und ließ es schöner und großzügiger wieder aufbauen. Am 1. August 1853 erfolgte die Eröffnung.

 

 

Das Schützenhaus wurde eine gute Adresse für Kurzweil. Zumeist fanden die Veranstaltungen auf dem freien Platz vor dem Haus statt. Im August 1861 gastierte die Seiltänzerfamilie Palm. Deren Auftritt wurde von einem Feuerwerk des Kunstfeuerwerkers Th. Kühn gekrönt. Für Pfingsten 1879 wurde eine „Große Taucher-Production in einem mit Wasser gefüllten Baissin“ angekündigt, bei der unter Wasser alle nur möglichen Arbeiten verrichtet werden, versprach der Gastwirt. Die den Burgern vorgeführte Technik soll bei der Hebung des untergegangen deutschen Panzerschiffes „Großer Kurfürst“ zur Anwendung gekommen sein. Im gleichen Jahr traten die berühmtesten Läufer des Magdeburger Central-Skating-Ringes auf. (......). Mit dabei ein Holländer und ein achtjähriger Knabe. Sieben Jahre später wird auf vielseitigen Wunsch zum sonntäglichen Besuch des anatomisch-pathologischen Museums eines J. Winkler eingeladen.

Burg’sche Zeitung 7. Dezember 1867 

 

 

Ein anatomischer Hercules ist zerlegbar, eine Magenresection nach Prof. Billroth und Luftröhren- und Staroperation können nachempfunden werden. Dass es in der Epoche reichlich Konzerte gab, sei ergänzend erwähnt. Am 4.Juli annocierte Rabending ein „Grosses Militair-Concert“ mit 14 Programmpunkten, wobei sich die Militair-Musiker nicht zu schade waren, anschließend zum Ball aufzuspielen.

Nachfolgender Schützenhausbetreiber Carl Progatzky schien sich der kulurellen Tradition verpflichtet. Er organisierte gleichfalls Erlebnishöhepunkte. Am 3. April 1892 ließ er den „kühnen Aeronauten Herrn Fritz Behlick“ nach Burg kommen. Er führte den von ihm selbst erbauten Riesenballon „Union“ vor. Drei Jahre später eine größere Sensation. Vor dem Schützenhaus stellte sich der „rühmlichst bekannte Luftschiffer“ Paul Feller mit dem Riesen-Drillings-Ballon „Mars“ vor. Erstaunlich ist, dass der Schützenhausgarten ab 1901 zum Teil als Tennisplatz gedient hatte. Sogar Damen der besseren Gesellschaft Burgs absolvierten Tennnisstunden. Überhaupt schien das Schützenhaus unter Regie von Progatzky sich hin und wieder dem Sport verschrieben zu haben. Überliefert ist, dass es am 23. Oktober 1897 eine Elite-Vorstellung von Ringkämpfern gegeben hatte. Der Meisterschaftsringer von Europa J. Pohl reiste an und trat gegen Burger starke Männer an. Franz Lohmann vom Burger Athletenclub „Germania“ und Carl Dörge und Philipp Klein, beide wurden als Monteure beruflich angepriesen, traten gegen den Europaringer an. 1000 Mark wurden von ihm als Preis ausgeschrieben. Die Verkündigung des Preises konnte sich Pohl sparen. Es gab lediglich eine Mark pro Minute für die einheimischen Herausforderer, für die Zeit, in der sie dem Pohl „ordentlich Widerstand geleistet hatten“

Progatzkys Schützenhaus war oft Mittelpunkt nationalen Gedenkens. Unter angekündigter Teilnahme von über 100 Burger Honoratioren wurde am 30. März 1895 der 80. Geburtstag des Fürsten Bismarcks gedacht. „Diese Feier soll bestehen in einem allgemeinen Kommers unter Theilnahme aus allen Ständen unserer Einwohnerschaft“, hieß es in der Ankündigung. Bismarck weilte Jahre später höchstpersönlich in Burg, wie am 4. Juni 1903 aus den Burger Neusten Nachrichten zu erfahren war. Aus Anlass der bevorstehenden Reichstagswahlen hatte die Konservative und Nationalliberale Partai ins Schützenhaus eingeladen. Reichstagskandidat Otto von Bismarck wollte sich vorstellen und sein Wahlprogramm verbreiten.

1915 musste das Schützenhaus eine neue kriegsbedingte Funktion erfüllen. Verwundete des 1. Weltkrieges sollten sich im hier geschaffenen Hilfslazarett auskurieren.

 

1923 verkünden Karl Krause und Frau die Fertigstellung der vielen Bürgern unserer Stadt noch bekannten Freilichtbühne im Schützenhausgarten. Neben dem Eröffnungseliteprogramm mit Brilliantfeuerwerk, wird ein Lustspiel aufgeführt. Musisch begleitet von ehemaligen Trompetern des 40. Feldartillerieregiments. Gästen ist das Rauchen gestattet. Getränke gibt es nach belieben. Dass die inflationäre Entwicklung in Deutschland beginnt ist am Eintrittspreis ersichtlich.

 

Am 28. Juli 1923 beträgt er für die Veranstaltung 6000 Mark.

 

In der Nazizeit war das Burger Schützenhaus, das in den Jahren die Adresse Hauptmann-Loeper-straße 26 hatte, ein Veranstaltungsort der Landkreis-NSDAP und örtlicher SA- und SS-Gliederungen. Unrühmlich ein dokumentiertes Ereignis vom Juni 1933. Im Burger Tageblatt wurde ein Foto veröffentlicht, auf dem zu sehen ist, wie SA-Leute angeblich marxistische Literatur öffentlich verbrennen.

1937 war das Schützenhaus als Gasthaus am Ende. Witwe Anna Kindel, deren Familie war in einige Vorjahre Eigentümer des Hauses gewesen war, erwies sich nach dem Tod ihres Mannes dermaßen verschuldet, dass die Stadt Burg sich gezwungen sah, es zu übernehmen. Es stand eine Zwangsversteigerung bevor. Mit einiger Befriedigung gingen die damaligen Ratsherren an eine mögliche Übernahme. An Stelle des Schützenhauses sollte eine neue Stadtverwaltung entstehen. Oberbürgermeister Lebenstedt bemängelte, dass der Verwaltungsapparat auf verschiedene Quartiere der Stadt Burg verteilt wäre. Sogar Platz für eine neue gewerbliche Berufsschule wäre gewesen, da die alte baufällig war, warb Lebenstedt. Fast 56 000 Reichsmark seien mit der Witwe Kindel als Kaufpreis vereinbart. Nur wurde aus dem Bauprojekt nichts, wie aus Archiven zu ersehen ist.


Ära des „Hermann“

Erwähnenswert ist wieder die Zeit ab 1953. Das Schützenhaus sollte in jungen DDR-Jahren zum Kulturhaus umgewandelt werden. Bei dem Umbau bot die größte Schwierigkeit die Säulenkonstruktion des Saales. 18 Exemplar e waren es. Neue Säulen müssten aber gesetzt werden. Die Verschnöckelung der Decke entsprach nicht mehr dem anbrechenden sozialistischen Zeitgeist. Ein glatter Putz stand in der Bauplanung. 500 Klappstühle sollten dafür sorgen, dass ein ausreichender Veranstaltungs-, Vortrags- und Konzertsaal geschaffen wird. Geplant war zudem, eine Sternwarte auf dem Dach einzurichten. Nur die Finanzierung des Gesamtvorhabens war nicht abgerundet. Für den Ausbau seien noch viele freiwillig Helfer und freiwillige Spenden nötig, meldete die Volksstimme. Lobend wurden Reesdorf und Drewitz erwähnt, die Bauholz bereitstellen wollten. Anerkennung außerdem für die Städtische Berufsschule, die im 1952 über 800 Arbeitsstunden geleistet hatte.

Begonnen wurde mit den Bauarbeiten tatsächlich. Nur erhielt das Gebäude eine Doppelfunktion. Neben dem Kulturhaus war es außerdem das Kreisheimatmuseum. Rein museal wurde es samt Nebengelände deshalb nicht nur genutzt werden. Es gab „Massendemonstrationen zum Tag der Republik“ und Parkfeste. Ein Volksstimme-Leser fragte an, warum der vereinsamte Musikpavillion im Garten als Kulturstätte nicht in Betrieb gehen kann? Was eisern blieb, war in der Nachbarschaft der Busbahnhof der Kreisstadt, auch als Gummibahnhof mit Minigaststätte bekannt, und eine Bratwurstbude, die bei Burgern sehr beliebt war.

1972 kam das Ende des Kreismuseums. Die Exponate wurden ausgelagert, zum Teil in ein Haus in Burg und nach Magdeburg. Heute sind sie im Genthiner Museum zu sehen und dort beherbergt.

Es folgte der Abriss des ehemaligen Schützenhauses. Nachfolger war das Hermann-Matern-Haus, von den Burgern kurz und bündig „Hermann“ genannt. Inhalt: ein Saal, die Gedenkstätte an den in Burg geborenen Kommunisten und prominenten führenden SED-Funktionär Hermann Matern und ein Gaststätte. Die Einweihung des Maternhauses fand standesgemäß mit einem Appell von Kampfgruppen-Einheiten statt. Geschehen am 5.Oktober 1973.

Die Gaststätte war bei den Burgern beliebt, auch wenn es .... einen Kriminalfall des Personals gab. Gleichermaßen begehrenswert war der Saal. Zahllose Veranstaltungen verschiedenster Genres, von Betriebsfesten über Kulturveranstaltungen jeglicher Art waren gefragt und ausgebucht.

Aufgetreten waren unter anderem das Komikerduo Herricht und Preil, Schlangersänger Jürgen Walter und die damals bekannten polnische Rockband „Rote Gitarren“. Als Meilenstein erwies sich das Gastspiel der Phydus. Es ist in Erinnerung, da die Kulturhausleitung sich in Vorbereitung als nervös erwies.

Sie konnte sich mit dem Gedanken nicht anfreunden, dass die jugendlichen Zuhörer aus gängiger Praxis die braven Sitzplätze als überflüssig empfinden könnten, sondern lieber ungestüm vor der Bühne und im Saal freihändig rocken würden. Nicht gänzlich verbrieft ist, dass bei dem Konzert ein Phudy-Gitarre spurlos verschwunden sein soll.

Eine Extrabemerkung ist die Selbstbedienungsreihe im Freigelände des Maternhauses wert. Ursprünglich sollte zwei aufgestellten Hütten dem niveauvollen Verzehr von Fisch- und Wildgerichten dienen. Aus Mangel an „Rohprodukten“ vereinsamten beide Holzbauten sehr bald. Das blieb der nahen Selbstbedienungsreihe im Materngarten erspart, bald vom Volksmund als Assi-Garten bezeichnet, da dort auch Gäste verkehrten, die ausdauernd dem Bier und Schnaps zusprachen. Übrigens ein Dorn im Auge der Partei- und Kreisverantwortlichen. Ändern konnten oder wollten sie die Situation aber nicht.

 

Erinnerungswürdig an das alte Maternhaus ist des weiteren, dass im alten Saal die Städtepartnerschaft zwischen Gummersbach und Burg geschlossen wurde. Es hieß nicht mehr Hermann-Matern-Haus, sondern wiederhergebracht Schützenhaus. Dass PDS-Vorsitzender Gregor Gysi bei einem Wahlkampfauftritt 1995 hier auftrat, sei ergänzend erwähnt. Dann wurde es sehr still um den Komplex, außer, das im Haus und vor ihm????? der mehrheitliche Entscheid des Landtages Sachsen-Anhalts gefeiert wurde, Burg und nicht Genthin als Kreisstadt des neuen Landkreises Jerichower Land einzusetzen. Nach solchen einzelnen Höhepunkten verkam der „Hermann“ zusehends.

 


Und nun zur Stadthalle

Burg wurde für 2002 als Gastgeber des Sachsen-Anhalt-Tages gekürt. Höchster Anlass für das Schützenhaus sich als ein Mittelpunkt des Landesfestes zu präsentieren. Glück im Glück: Es gab finanzielle Fördermittel der Landesregierung zum zeitgemäßen Umbau. April 2001 wurde mit dem Projekt begonnen. Umstritten war die farbliche Gestaltung der Außenfassade, die bis in den Innenraum reichte. Heute regt sich darüber kein Burger mehr auf.

Als das rundum erneuerte Gebäude im August 2002 mit einem enormen Zulauf neugieriger Kreisstädter 2002 eröffnet wurde, konnte keiner ahnen das der Sachsen-Anhalt-Tag und damit Burg als Veranstaltungsort buchstäblich ins Wasser fiel. Das tragische Elbehochwasser des Spätsommers 2002 Zwang zur Absage des Burger Sachsen -Anhalt-Tages. Ein Jahr später aber vom 27. bis 29. Juni 2003 führte das vertagte Landesfest die neue Stadthalle zu anerkennenden Ehren.

Eines blieb regelmäßig auf der Strecke: Die Gastronomie des Hauses. Immer wieder wechselten glücklose Pächter. Sogar der ansonsten erfolgreiche und ideenreiche Pareyer Gastronom Björn Thomas verließ wegen mangelndem Zuspruch der Burger zum Ende 2008 Küche und Gaststätte...

Waldhalle

Die Gaststätte Waldhalle mit ihrer Adresse Forststraße 12 war seit Anbeginn ein beliebtes Ausflugsziel der Burger. Und ist es zum Glück heute wieder.

 

Begonnen hatte alles 1875, als der Restaurateur Joseph Scola, der außerdem Buchhändler war, mit seiner Frau Wilhelmine am Rande des Bürger Holzes ihre Gaststätte eröffneten. Geschehen in einem zu diesem Zwecke erbauten neuem Haus. Er führte die Waldhalle bis 1881. Liest man seine Anzeigen im Burger Tageblatt, kommt man zu dem Schluss, dass es eine Gastwirtschaft der gehobenen Klasse gewesen sein muss.

 

Welcher Wirt pries vor 130 Jahren Straßburger Gänseleber, delikate Forellen und frisch eingetroffenen Kaviar an, wenn er nicht auf gut situierte Gäste eingestellt war? Joseph Scola folgten ab 1881 in schneller Folge die Inhaber G. Haberhauffe, Schellhase, Otto Hünerbein und Max Mönch. Schellhase hatte den Saal anbauen lassen.

Gastwirt Robert Hoppe hielt es ab März 1893 dann neun Jahre aus. Seine organisierten Konzerte müssen so gut gewesen sein, dass die Burger Neusten Nachrichten nicht umhin gekommen waren, sehr oft über sie zu berichten. Das schützte Hoppe nicht von einer Katastrophe. Im Sommer 1908 brannte das Gebäude. Es war vermutlich so schwer beschädigt, dass ein Nachfolgebau unausweichlich blieb. Der Wert des Grundstückes war zum Zeitpunkt des Brands auf 17 000 Mark geschätzt worden. Stehen geblieben waren nur die Stallgebäude. Im September 1908 konnte das Burger Tageblatt melden: „Herr Robert Hoppe baut die Waldhalle wieder auf.“ Es sollte ein zweistöckiges Haus werden, so, wie es heute noch zu sehen ist.

 

Paradies
 
Wer in verstaubten Akten tagtäglich wühlen muß,
für den ist doch mein Schultheißbier ein himmlischer Genuss!
 
Wer hinter dem Katheder Jungdeutschland täglich lehrt,
der ist, das glaubt doch jeder, des würz'gen Trunkes wert!
 
Wer Meißel, Hobel, Hammer die ganze Woche hebt,
dem ist, ein reiner Jammer, die Kehle wie verklebt!
 
Und weh' den armen Frauen, die hinterm Kochherd stehn
und die sich nicht getrauen ins Paradies zu gehn;
sie müssen Strümpfe stopfen und bügeln früh und spät,
dieweil der Malz und Hopfen durch Männerkehlen geht!
 
Werft Fingerhut und Schere, wenn die Geduld Euch reißt,
beherziget die Lehre vom Wirt, der Mahler heißt:
Lasst Euch nicht unterjochen, Ihr vielgeplagten Frau'n,
Ihr müßt auf Rechte pochen, das Paradies zu schau'n;
Laßt Euren Mann zu Hause, legt er ein Veto ein,
Ihr müßt beim Kafeeschmause stets meine Gäste sein!!
 
Wilhelm Mahler

 

Hoppe bewirtschaftete das Lokal bis Oktober 1912. Nachfolger war Wilhelm Mahler. Er taufte die Waldhalle „Zum Paradiese“ um. Der Grund war wohl, dass seine Ausflugsgaststätte am Eingang der nahen Burger grünen Lunge stand, die ihm wie ein Paradies vorgekommen sein muss. Den Rückschluss kann man ziehen, wenn man weiß, dass er für sein „Paradies“ ein Gedicht verfasst hatte, das diese Einstellung zum Ausdruck brachte. Der Name hatte übrigens nur zwei Jahre Bestand. Der nächste Gaststättenbesitzer, er hieß Otto Beyer, hatte sich wieder auf den Traditionsnamen Waldhalle besonnen.

Die Waldhalle war zu jeder Zeit ein begehrter Treffpunkt von Vereinen. Ob Burger Ballspielclub 1908, der Verein der Hundefreunde P.-H.-V. oder der Burger Mandolinenclub Alpenstern – sie waren allesamt dort zu Versammlungen oder Vergnügungen anzutreffen. Willi Brockhage, er war einer der Gastwirte in den 20- und 30er-Jahren, wurde von den Vereinen als ein „durchaus moderner Mann“ bezeichnet. Er richtete nämlich 1925 eine Radio-Empfangsanlage, wie sie damals hieß, für die Gäste ein.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges hatte Else Weidling den Mut, die Waldhalle zu einer neuen Walderholungsstätte auszubauen. Eröffnung war am 5. Juni 1948. Die neue Betreiberin versuchte aus ihrer Waldhalle ein ansprechendes Ausflugslokal zumachen, was ihr augenscheinlich auch gelang. 1953 allerdings ist von ihr nicht mehr die Rede. Die Waldhalle wird in der Volksstimme als Zentrum der örtlichen Ferienspiele von Burger Schulen genannt. Erstaunt vermeldet der Berichterstatter, dass sich 100 Jungen und nur zwei Mädchen erholen.

Ab dem Sommer 1959 wurde aus der Waldhalle die Ausflugsgaststätte Waldesruh unter Regie des HO-Kreisbetriebes. Wie in den Jahren üblich, wurde ein großer Teil der Bau- und Gestaltungsarbeiten als „freiwillige Aufbaustunden“ geleistet. Sogar NVA-Soldaten des Burger Panzerregimentes hatten sich mit exakt 836 Stunden beteiligt. Erwähnenswert ist außerdem, dass der Musikpavillon zum Ende des Jahres 1972 abgegeben wurde, als Sitz für den Burger Hundeverein, was er nach einigen Umbauten und Erweiterungen heute noch ist.

Nach der Wende hatte der Ausflugsort keine einfache Zeit zu überstehen. Im März 1995 übernahm die Burger Schützengilde das Haus. Drei Pächter versorgten die Gäste bis 2006. Der Burger Klaus Möhring, auch Betreiber der Gaststätte „Zum Goethepark“, kaufte das Anwesen und ließ die Räumlichkeiten umgestalten. Er eröffnete das Traditionslokal unter den altehrwürdigen Namen „Zur Waldhalle“ wieder. Sie wurde den Burgern als Gasthaus wieder so gut in Erinnerung gerufen, dass von ihr aus im Mai 2008 die Burger Kneipennacht gestartet wurde und eine Magdeburger Tanzschule den Saal für Tanzkurse angemietet hatte.

 

Wilhelmsgarten

Der Standort des Ausflugslokals „Wilhelmsgarten“ ist heute noch zu erahnen. Wo sich schon seit Jahrzehnten das Freigelände der Konsumgenossenschaft an der Bebelstraße, Ecke Külzstraße ausbreitet, befand sich einst die Lokalität. Der ewig verschlossene und noch gut zu sehende Toreingang mit Säulen und Kunstschmiedetor in der Külzstraße war die Eingangspforte zu dem weitläufigen Gartenlokal.

Es wurde von Schankwirt Friedrich Müller nach 1875 gegründet. Er war aus der Börde, genauer gesagt aus Hakeborn, gelegen im Salzlandkreis, an die Ihle gezogen. Auch die nachfolgenden Betreiber Robert Kreidel und Friedrich Schimpf waren keine Burger. Der erstgenannte stammte aus Hettstedt und der zweite aus Größnitz, jetzt im Burgenlandkreis zu finden. Restaurateur Schimpf zum Beispiel kaufte das Grundstück 1879 und eröffnete seine Gaststätte im November des Jahres. Zu dem Zeitpunkt trug sie den Namen Flora.

Am 10.März 1893 meldete das Burger Tageblatt, dass sich „im Etablissement zur Flora“ Kapellmeister P. Schmidt niedergelassen habe. Er hatte das Gasthaus als Stammsitz ausgesucht und versuchte von hier aus, mit seinen Musikern in Burg und weiterer Umgebung Auftritte zu erhaschen. Sein Selbstlob klang so: „Da ich nur gute Musiker von Beruf engagiere und auch selbst Capellen unter meiner Leitung geführt habe, so wird es mein eifrigstes Bestreben sein, stets eine gute Musik (Streich- sowie gute Militair-Musik) bei soliden Preisen zur Ausführung zu bringen.“

1894 kam es zu der Namensänderung. Aus der Flora wurde der Wilhelmsgarten. Verantwortlich dafür war der neue Gastwirt Carl Voigt, der die alte Flora vollständig neu einrichten ließ. Die Burger Zeitungen hatten dann laut Archiv noch einmal Anfang des neuen Jahrhunderts Notiz vom Wilhelmsgarten genommen. Am 20. Juli 1901 berichteten die Neuesten Nachrichten von einem viel umjubelten Abonnementskonzert. Aufgespielt hatte die in Burg stationierte Artilleriekapelle. Der Berichterstatter konnte erstaunt verzeichnen: „Kein Tisch war mehr frei und kein Programm mehr zu haben, als wir etwas nach Beginn des Konzerts den Wilhelmsgarten betraten“. Überliefert ist noch, dass sich 1907 der Wirt eine neue Kegelbahn zugelegt hatte. Grund für den Kegelklub „Gemütlicher Stamm“ am 15. Juni 1907 ein Preiskegeln zu veranstalten. Als Preise lockten ein Damen- und ein Herrenfahrrad.

 

Zentralhalle

Die Adresse der Gaststätte Zentralhalle hieß bis zu ihrem Abriss 2004 Feldstraße 1. Ihr Ursprung war die Gründung einer Tabagie, war aber Jahrzehnte später bis in die 30er-Jahre für die Burger auch Ballsaal und noch in den neunziger Jahren Sport- und Gaststätte.

Einst befand sich ihr Standort außerhalb der Stadtmauern und zwar Anfang des 19. Jahrhunderts. Anton Müller war ein Gärtner, der sich auf die Züchtung von Topfpflanzen spezialisierte hatte. Da er Wert darauf legte, dass die Kundschaft ausgiebig sein Pflanzenreich anschauen konnte, kam er auf die Idee ihr eine Tabagie anzubieten, noch längst nicht unter den Namen Zentralhalle. Aus einer Zeitungsnotiz geht 1813 hervor, dass er nicht nur zum Kauf der grünen Produkte einlud, sondern gleichzeitig zu einer ausreichenden Verschnaufpause bei Bier, Kaffee und Kuchen. Als der in Burg erfahrene Gastronom Christian Schumann 1848 die Gaststätte übernahm, gab es keinen Gartenbau mehr, sondern nur noch die Tabagie. Sie wurde erweitert. Er und Schwiegersohn August Zabel sorgten für Um- und Ausbau. Neben dem zweistöckigen Wohn-und Gasthäusern entstand 1850 ein Tanzsaal nebst Kegelbahn. Das bauliche Ensemble wurde auf den Namen „Zabels Garten“ getauft.

1885 gab es den nächsten Besitzerwechsel. Der Familientradition verpflichtet, übergab Zabel die zum Ballhaus gemauserte Einrichtung seinem Schwiegersohn August Schulze. Er war der Mann, der den Namen „Centralhalle“ gab. Dieser schien den Ihlestädtern wohl zu lang. Sie bevorzugten die Kurzbezeichnung „Cent“. Mathess Bubner, der nachfolgende Besitzer erweiterte sie und ließ an den Saal eine Turnhalle anbauen.  Zahllos die Veranstaltungen, die in der Zentralhalle stattfanden.

Da wurde im Burger Tageblatt vom 29. August 1886 ein Sommernachtsfest angekündigt. Etwas seltsam aus heutiger Sicht mutet an, dass nach der Vorführung des „Riesen-Elephanten Nabod“ und des „Pracht-Feuerwerkes“ ein Bauernmädchen, der Begriff wurde im Druck stark hervorgehoben, aus Westphalen „ihre Aufwartung machen wird“. Waren westphälische Jungfrauen für die Burger etwa Exoten? Aus der Anzeige geht leider nicht hervor, wieso die Vorstellung eines Bauernmädchens aus dem Süden Deutschland ein Lockmittel zum Besuch des Sommernachtsfestes gewesen sein könnte.

 

Apropos Weiblichkeit und Feuerwerk! Die Emanzipation hatte zu dem Zeitpunkt augenscheinlich leichte Fortschritte. Am 12.Juni 1893 sollte gleichfalls zu einem Sommerfest ein „großartiges Feuerwerk“ entzündet werden. Das für die damalige konservative Kaiserzeit Erstaunliche findet sich in der Ankündigung: „Verfertigt und abgebrannt von der berühmten Kunstfeuerwerkerin Fräulein Albertine Rennebarth aus Magdeburg“.

Die räumliche Großzügigkeit der Zentralhalle war wohl Grund, sie für politische Veranstaltungen zu mieten. Im gleichen Juni trat in ihr Graf Herbert von Bismarck-Schönhausen auf, der für den Wahlkreis und die Deutsche Reichspartei im Reichstag saß. Der älteste Sohn Otto von Bismarcks wollte in einer Wahlveranstaltung für seine Wiederwahl werben. Er tat das in dem Sommer für die Burger nicht nur in der Zentralhalle, sondern auch im Schützenhaus.

 

In beiden Fällen waren die Organisatoren die Ortsvereine der Nationalliberalen, Freikonservativen und Konservativen als der bürgerlichen in Burg wirkenden Parteien. Zu den Einladern gehörte Carl Paasche. Der Name hatte bis in die DDR-Zeiten einen Klang. Bis in die 50iger Jahre gab es in Burg eine Tuchfabrik unter seinem Firmennamen, bis sie in VEB Volltuchwerk Burg umbenannt wurde.

Die Zentralhalle war in den Jahren überhaupt oft Veranstaltungsort für das „nationalgesinnte“ Burger Bürgertum. Im November 1902 berichtete der Afrikareisende Fritz Unger über die Erlebnisse im Burenkrieg und es gab in ihr 1907 eine Schau mit 80 Kolossal-Kriegsgemälden über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871.

Wieder mehr von allgemeinen Interesse dürfte im November 1913 die Information gewesen sein, dass speziell an die Einweihung der elektrischen Anlage ein Tanznachmittag gekoppelt wird. 1923 gab es den Versuch, das grüne Gelände rund um die Zentralhalle für Erholung und Gesundheitspflege zu reservieren. Der Naturheilverein ließ in ihr das 29. Stiftungsfest stattfinden und kündigte Luftbad-Freiübungen an. Zitat aus dem Burger Tageblatt: „Herr Schmidt aus Magdeburg verstand es, die Zuhörer in seinem Vortrag, Über den Zweck bei Luftbädern“ zu fesseln. Er behandelte verschiedene Krankheiten und gab die richtige Anwendung der Luftbädern bekannt.“

Die turbulente Entwicklung der Weltwirtschaftskrise ab 1929 bis zur Machtergreifung Hitlers ging an Burg nicht spurlos vorüber und damit auch nicht an der Zentralhalle. Sie war jetzt vom KPD-Ortsverein ausgewählt worden, Massenveranstaltungen auf die Beine zu stellen. Im Februar 1930 hatte der Burger KPD-Funktionär Hermann Matern zu einer Versammlung gerufen. Im Tageblatt hieß es: „Seine Angriffe richteten sich in der Hauptsache gegen die Sozialdemokratie, die nach seiner Ansicht noch reaktionärer ist, als die deutschnationale und deutschvölkische Partei“. Eine Woche vor der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30.Januar 1933 hatte die KPD-Ortsgruppe eine Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Feier angekündigt. Aber noch am 24. Februar, also gut zwei Wochen nach dem Antritt von Hitler, wagten die Burger Kommunisten in der Zentralhalle eine „Große öffentliche Versammlung zum Thema Einheitsfront Hitler-Papen oder Einheitsfront aller Werktätigen?“ Danach gaben nur noch die Nazis den politischen Ton in der Zentralhalle an. Nicht erstaunlich aus diesen Randnotizen der Burger jüngeren Geschichte ist deshalb, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die gegründete SED-Ortsgruppe die Zentralhalle als propagandistischen Treffpunkt für sich wieder entdeckt hatte. 1948 gab es in ihr eine Gedenkfeier an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Dessen ungeachtet entwickelte sich in der Nachkriegszeit die Zentralhalle zu einem neuen beliebten Vergnügungstempel. Immer wieder wurde zu Tanzvergnügen, Bällen oder zu Kostümfesten der Burger Karnevalsgesellschaft eingeladen, oft mit dem Tanzorchester Fredi Emmelmann. Anfang der 60er Jahre kam es um die Zentralhalle, die zum Haus des Sports umbenannt wurde, zu öffentlichen Streitereien wegen des schwankenden Niveaus des Hauses. Es wurde in der Zuständigkeit zweigleisig gefahren. Die Stadtverwaltung war für den Saal verantwortlich, der HO-Kreisbetrieb für die Gastronomie. Laut Volksstimme-Bericht vom 6.März 1964 war der Gaststättenbereich „im vorbildlichen Zustand“, aber die Stadt habe den Saal „verkommen lassen“. Wie üblich, gab es als Konsequenz eine organisierte Massenbewegung, um nach freiwilligen Aufbaustunden den Saal samt Sportbereich wieder im Glanz erscheinen zu lassen. Der Kreisvorstand des Deutschen Sportbundes wollte 20 Helfer mobilisieren. Die Lehrlingsbrigade des VEB (K) Bau erklärte sich bereit, gleichfalls mitzuarbeiten. Die Volksstimme musste aber feststellen: „Hier ist auch keine Heizungsanlage drin, und wenn Lehrgänge durchgeführt werden, müssen 10 Öfen geheizt werden. Der arme Heizer...“ Was etwas später trotz gesellschaftlichen Aufbäumens folgte, das zweckentfremdete Umfunktionieren des Hauses des Sports zur langjährigen Lagerstätte der Schuhfabrik „Rote Stern“.

 

 

1985 erfolgten Umbauten. Die neue Gaststätte „Zur Bürgermark“ wurde von Lothar Kraneiß eröffnet. Im Saal hatten sich die Judokas von Fortschritt Burg eingerichtet und das zum großen Teil in baulicher Eigeninitiative seit 1982. Eine nachbarschaftliche Partnerschaft zwischen Betreiber Kraneiß und Sportlern wurde es aber nie, schon gar nicht nach der Wende. Die Judosportler fühlten sich verdrängt. Lothar Kraneiß soll zum Beispiel die Zusage, bei Wettkämpfen die gastronomische Versorgung zu übernehmen, nicht eingehalten haben. Zudem war die Miete von 1305 DM für den Verein zu hoch. Dann die Überraschung: Im Herbst 1996 musste die große Frage in Burg gestellt werden: „Wohin ist Lothar Kraneiß mit Gattin verschwunden?“ Vorausgegangen waren über Jahre sein Versprechen an die Stadt, die 1992 vereinbarte Kaufsumme zu überweisen, was nie eingehalten wurde. Zusätzlich trat er immer wieder an die Öffentlichkeit mit Projektideen, wie zum Beispiel aus der Halle einen Ballsaal zu machen. Das letzte Lebenszeichen von Kraneiß an die Stadtverantwortlichen soll ein Brief gewesen sein, in dem sich der Schlüssel zu dem Gebäude befunden haben soll. Offiziell ist bis heute nicht bekannt, in welche Himmelsrichtung sich das Ehepaar Kraneiß abgesetzt hat. Hartnäckig hielt sich das Gerücht: Vereinigte Staaten von Amerika. Die Volksstimme hatte zum Jahresende 1996 versucht zu recherchieren, ob Lothar und Renate Kraneiß tatsächlich in die USA geflüchtet sind. Es soll so gewesen sein, hieß es in der Volksstimme. Nur enge Freunde des Paares sollen gewusst haben, wo es sich niedergelassen hat.

Heute ist von dem Traditionshaus nichts mehr zu sehen. Die Feldstraße 1 als Zentralhalle gibt es nicht mehr. Im Dezember 2003 war mit dem Abriss begonnen wurden. Auf ihrem Gelände wuchs ein kleines Viertel von Eigenheimen.